„Darf es noch etwas weniger sein?“ Kein Dienstleister, jemals. Designer 2024: „____ “ Bildquelle: iStock / Getty Images
Ein Verlust von Seele und Identität
Simplifizierung im Logodesign, die Suche nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen, die Vereinfachung von Kommunikation, in der Hoffnung dass alle mitmachen können, blanke Glasfassaden und nackte Betonwände.
In einer (Arbeits)Welt, die zunehmend nach Effizienz und Minimalismus strebt, zeichnet sich ein beunruhigender Trend ab: die übermäßige Simplifizierung von nahezu allem. Nicht ausschließlich im Design, sondern auch in unserem Denken und unserer Wahrnehmung und in unserem handeln. Aber heute will ich verstärkt auf das Thema Design, auch im geschäftlichen Umfeld, eingehen. Und auf eine Frage die mich nun schon lange Beschäftigt:
Was verlieren wir wirklich, wenn wir alles auf das Wesentliche reduzieren?
Das Szenario: Eine kalte Welt
Stell dir vor, du gehst durch eine Stadt. Links und rechts siehst du glatte Fassaden, minimalistische Stadtmöbel und überall die gleichen, schlichten Logos an den Gebäuden die auf ein Geschäft aufmerksam machen sollen. Fühlst du dich davon inspiriert? Oder eher gelangweilt?
Vielleicht ist es Paris, dass es mit mir macht. Das gefühlte Zentrum von Prunk und Glanz. Vielleicht ist es auch der Wunsch endlich mal wieder positiv überrascht werden zu wollen in einer Geschäftswelt in der die meisten Nachrichten mit „…ist das grundlegend interessant für dich?“ Enden oder mit „Willst du auch endlich mehr leben und weniger Arbeiten…“ beginnen.
Doch zurück zu den Fassaden, Stadtmöbeln und Logos. Als Ingenieur (einige wissen es nicht, ich bin vom Ursprung Maschinenbau-Ingenieur. Ich bin also Fotograf und Filmemacher mit beruflichem Migrations-Hintergrund 😏) weiß ich wie wichtig es ist etwas möglichst einfach zu lösen. Je weniger Teile, umso weniger Wartungsaufwand und umso geringer die Wahrscheinlichkeit dass etwas kaputt geht. Jedes unnötige Bauteil bedeutet (für gewöhnlich) mehr Kosten und irgendwann auch mehr Schwierigkeiten.
Ein schönes Beispiel dafür ist die Mechanik an Klavieren. Was für Laien komplex wirkt und man sich fragt warum da so viele Umwege genommen werden um einen Hammer auf ein Stück Draht zu hauen, wird feststellen dass alles daran einen Sinn ergibt. Kein Teil ist unnötig und wenn man Reverse Engineering betreibt wird man feststellen: Das ist alles tatsächlich so minimal wie möglich gelöst!
Das Design ergab sich also aus der Funktion heraus. Du kennst den Satz vielleicht: Design follows function. Jetzt sollte man an dem grundlegenden Design nichts ändern, um die Funktion nicht zu gefährden. Das versteht man auch. Aber jetzt kommt der Twist:
Niemand hält dich davon ab Blümchen auf’s Klavier zu malen oder den Hammer wie eine Note aussehen zu lassen.
Keine dieser beiden Maßnahmen gefährdet die Funktion des Klaviers und dennoch haben wir kleine Details hinzugefügt, welches dieses Klavier von anderen unterscheiden lässt. Ist diese Maßnahme notwendig? Absolut nicht! Ist es eine schöne Sache und lässt Menschen das Klavier etwas anders betrachten oder zaubert ihnen vielleicht sogar ein lächeln in’s Gesicht? Sehr wahrscheinlich.
Ein Klavierbauer der das Klavier herstellt hat vermutlich mehr Freude daran oder wenn er es zur Reparatur bekommt und sieht dass die Hämmer Noten nachempfunden sind, ist das für ihn wohl etwas besonderes. Das Instrument bekommt dadurch einen ganz eigenen Charakter.
Doch ohne all dies ist es einfach nur ein Klavier je jedes andere. Es wird schön klingen. Doch erst durch einen Mensch der es bespielt gewinnt es an Leben. Ansonsten ist es einfach nur ein Objekt das existiert.

Schönheit und Charakter
Ich möchte an dieser Stelle zwischen diesen beiden begriffen unterscheiden. Du musst etwas nicht schön finden, damit es Charakter hat. Charakter ist einfach ein Teil der Identität eines Menschen oder einer Sache.
Mit jedem Detail, das aus einem Design entfernt wird, geht ein Stück seiner Identität verloren. Die verspielten Elemente, die filigranen Verzierungen, die durchdachten Feinheiten – all das wird oft geopfert für glatte Oberflächen und reduzierte Formen. Doch gerade diese Elemente sind es, die Gegenstände und Räume mit Leben füllen und ihnen eine Seele verleihen. Ihnen ihren Charakter geben.
Denke an Städte wie Paris, London oder Wien. Was fasziniert dich an ihnen? Ist es nicht gerade der Reichtum an Details? Die kunstvoll verzierten Fassaden, die schmiedeeisernen Laternen, die detailreichen Brücken – sie alle erzählen Geschichten, laden zum Verweilen ein und schaffen eine Atmosphäre der Lebendigkeit.
Die Parallele zur menschlichen Identität
Nun übertrage diesen Gedanken auf uns Menschen. Was wären wir ohne all unsere Details, Kleinigkeiten, ob Charakter oder körperliche Eigenschaften, die uns zu den Individuen machen, die wir sind? Stell dir vor, alle Menschen wären gleich – ohne Ecken und Kanten, ohne besondere Merkmale oder einzigartige Eigenschaften. Wir wären funktionale Biomasse die zwar existiert, aber nicht wirklich lebt.
Unsere Identität ist wie ein kunstvoll gestaltetes Objekt:
- Unsere Erfahrungen sind wie der Abrieb von Farbe durch die Zeit.
- Unsere Erlebnisse hinterlassen Spuren, wie Macken durch die Nutzung eines Gegenstands.
- Unsere Eigenheiten sind wie die unverwechselbare Duktus eines Künstlers in seinem Werk.
All diese „Details“ formen uns zu einzigartigen Individuen, unabhängig von unserer reinen Funktion in der Gesellschaft.
So geht es mir aktuell auch mit minimalistischen Logos, die gerade schwer im Trend sind. Es mag der aktuelle Zeitgeist sein oder das Unvermögen sich etwas besseres einfallen zu lassen. Agenturen und Grafikdesigner stützen sich dann zwar gerne auf Goethe, der einst sagte:„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.“ aber Goethe sagte auch „Daß du nicht Enden kannst, das macht dich groß.“ – Kurz: es kann sich jeder aus der Suppe das piken was er gerade braucht.
Das jüngste Opfer Lust- wie Ideenloser Agenturen ist PayPal. Ich glaube das nun neue Logo ist einfach die Schriftart Poppins oder Eagle Book Regular. Zumindest steckt keine Meisterleistung dahinter und es reiht sich in die langweilige Palette gähnender Langeweile ein, wie schon viele andere Unternehmen davor.
Es lässt sich gut lesen, aber es fordert weder den Verstand oder die Fantasie. Etwas böser formuliert: Massentauglich.
Doch was wäre wenn man diese Massentauglichkeit wieder umkehren würde?
Die Auswirkungen auf unser Denken
Die Simplifizierung im Design ist nicht nur eine ästhetische Frage. Sie wirkt sich auch auf unser Denken und wahrscheinlich auch auf unsere geistige Gesundheit aus. Wenn etwas so einfach gestrickt ist, dass es uns nicht fordert, werden wir denkfaul. Eine Entwicklung die ich sehr Schade finde, wo wir als Menschheit doch zu so viel mehr in der Lage sind, als einfach nur Logos zu entseelen oder Straßenpoller aus Edelstahl zu fertigen.
Hier sind einige Überlegungen dazu:
1. Mentale Herausforderung: Komplexe Strukturen und aufwendige Details fordern unseren Geist heraus. Sie regen uns zum Nachdenken an, fördern unsere Kreativität und halten unseren Geist flexibel.
2. Tieferes Verständnis: Wenn wir uns mit Details auseinandersetzen, ob im Schaffen oder im Betrachten, entwickeln wir ein tieferes Verständnis für die Welt um uns herum und was es bedeutet etwas wirklich außergewöhnliches zu vollbringen. Standard kann jeder.
3. Wertschätzung: Die Auseinandersetzung mit komplexen Designs lehrt uns, die Arbeit und das Können anderer zu schätzen. Das gelingt uns weniger wenn etwas einfach gestrickt ist und tatsächlich von jedem gemacht werden könnte.
4. Inspiration: Detailreiche Umgebungen inspirieren uns, selbst kreativ zu werden und über den Tellerrand hinauszudenken.
5. Emotionale Verbindung: Gegenstände oder Orte mit Charakter und Geschichte ermöglichen es uns, eine emotionale Bindung aufzubauen.
Die Quintessenz: Mehr als nur Funktion
Die reine Funktion einer Sache, einer Fassade, eines Gegenstandes reicht nicht aus, um uns zufrieden zu stellen und ein Umfeld zu schaffen, das uns positiv prägt.
Wir brauchen mehr:
– Lebenslust: Eine reiche, detaillierte Umwelt fördert unsere Lust am Leben. Sie regt unsere Sinne an und macht den Alltag zu einem Abenteuer an Entdeckungen.
– Geistige Anregung: Komplexität in unserem Umfeld fordert uns mental heraus und hält unseren Geist aktiv und gesund.
Der Weg nach vorn
Es geht nicht darum, jegliche Vereinfachung zu verdammen. Vielmehr sollten wir einen ausgewogenen Ansatz anstreben, der Funktionalität mit Ästhetik und Bedeutung verbindet.
Was kannst du tun?
1. Bewusstsein schärfen: Achte bewusst auf die Details in deiner Umgebung. Schätze die Handwerkskunst und den Ideenreichtum, die in gut gestalteten Objekten stecken.
2. Kreativität fördern: Unterstütze Designer und Künstler, die es wagen, über den minimalistischen Tellerrand hinauszublicken.
3. Persönlichkeit zulassen: Erlaube dir selbst, deine Einzigartigkeit zu zeigen und zu leben. Deine „Details“ machen dich zu dem besonderen Menschen, der du bist.
4. Komplexität umarmen: Scheue dich nicht vor komplexen Ideen oder Designs. Sie sind es, die unseren Geist herausfordern und uns wachsen lassen.
5. Geschichte wertschätzen: Erkenne den Wert in Dingen, die eine Geschichte erzählen – sei es ein altes Gebäude, ein Familienerbstück oder deine eigenen Lebenserfahrungen.
In einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Welt bieten Details und „Schnörkeleien“ eine wichtige Verbindung zur menschlichen Kreativität und Individualität. Sie erinnern dich daran, dass hinter jedem Objekt und jeder Gestaltung – und hinter jedem Menschen – eine einzigartige Geschichte und Persönlichkeit steht.
Lass uns gemeinsam eine Welt gestalten, die Charakter, Tiefe und menschliche Verbindung in den Mittelpunkt stellt. Eine Welt, die uns bereichert, inspiriert und wahrhaft lebendig macht. Denn am Ende sind es die Details, die unser Leben und unsere Umgebung von bloßer Existenz zu einem erfüllten Sein erheben.
Wie möchtest du deine Welt gestalten? Reich an Details und Geschichten oder auf das Wesentliche reduziert? Die Entscheidung liegt bei dir – und bei uns allen.
Cheers,
Andreas